Die Sprache der Hunde

Hunde sind soziale Lebewesen. Ihr Zusammenleben wird vor allem durch Konfliktvermeidung bestimmt. Dazu bedienen sich Hunde einer klar ersichtlichen Sprache, die sich durch Laut- und Körpergesten äußert.


Wenn Hunde mit gesundem Sozialverhalten aufeinandertreffen, vermeiden sie einen frontalen Kontakt. Gezeigt werden Beschwichtigungssignale wie Kopf- oder Halsbeschnüffeln, Geruchskontrolle, Blick abwenden, Ohren zurücklegen, einen Bogen schlagen oder Gähnen, um Konflikte erst gar nicht aufkommen zu lassen.


Hunde, die während ihres Aufwachsens Möglichkeiten vorfinden, ihre Sprache im Zusammensein mit anderen Hunden zu entwickeln und einzusetzen, werden in der Regel sozialverträgliche Tiere, die Konflikte lösen können. Möglichkeiten sind freies Laufen mit anderen Hunden oder Welpenspielgruppen. Reagieren Hunde bei Begegnungen mit Artgenossen aggressiv oder furchtsam, dann haben sie es nicht gelernt oder verlernt, mit anderen Hunden zu kommunizieren. Meist ist der Mensch am Verlust der hundlichen Kommunikationsfähigkeit schuld, weil er die vom Hund gesetzten Signale entweder falsch interpretierte, ignorierte oder gar bestrafte. So wagt der Hund die Signale nicht mehr einzusetzen.

Hunde verwenden Signale ständig und in vielen Fällen nehmen wir sie gar nicht wahr. Wer seinen Hund beobachtet, wird feststellen, wie oft er in unterschiedlichsten Situationen gähnt, sich über den Fang leckt, mit den Augen blinzelt oder seinen Blick abwendet. Durch das sorgfältige Beobachten der Verhaltensweisen von Hunden stellen wir fest, dass diese manchmal im Widerspruch zur augenblicklichen Situation stehen. Kann der Hund eine Konfliktsituation nicht lösen, weil er ungeachtet seiner Signale vom Menschen bedrängt wird, gerät er in Streß. Häuft sich die Anzahl der Belastungen, können Verhaltensstörungen und Beißunfälle die Folge sein.


Beispiel: Ein kleiner Hund wird von seinem Frauchen spazieren geführt. Ein Fremder geht auf beide zu und bewundert den Kleinen. Der Hund wendet sich ab, zeigt also ein deutliches Beschwichtigungsverhalten. Frauchen beachtet dieses Signal nicht und hebt den Hund hoch, damit der Fremde ihn besser betrachten kann. Der Hund leckt sich nervös über den Fang, dreht demonstrativ den Kopf weg. Sein Verhalten drückt eindeutig aus, dass er sich sehr unwohl und bedrängt fühlt. Der Fremde und die Besitzerin ignorieren diese Signale. Der Fremde will dem Hund über den Kopf streicheln. Der Hund schnappt. Er hat aus seiner Sicht in „Notwehr“ gehandelt, denn er hat all sein Sprachrepertoire eingesetzt, um einen Konflikt zu vermeiden. Doch seine Sprache wurde nicht verstanden.


 

Dieser Hund zeigt gleich mehrere Beschwichtigungssignale, weil die Kamera ihn irritiert. Er wendet den Blick ab, leckt sich über den Fang, legt das rechte Ohr zurück während das linke auf "Empfang" bleibt und deutet mit seiner Körperhaltung einen Bogen an. Die Stirn ist angespannt ähnlich wie bei uns Menschen das Stein runzeln.

 

Foto: Andrea Specht

Das Ausdrucksverhalten der Hunde umfaßt auch Drohgebärden, die als distanzfordernde Signale bezeichnet werden wie Knurren, Zähnefletschen, Bellen oder Schnappen. Sie dienen dem Ziel, einen Artgenossen oder Menschen auf Distanz zu halten und zu vertreiben. Hunde finden Menschen bedrohlich, die direkt auf sie zugehen, sie anstarren, sich über sie beugen oder nach ihnen greifen. Im Normalfall wird der Hund erst versuchen, den Bedroher zu beschwichtigen, es sei denn, eine Bedrohung erfolgt völlig unerwartet. Eine solche Situation entsteht, wenn etwa ein Kind über einen schlafenden Hund stolpert.


Die Sprache der Hunde ist klar und eindeutig, wenn wir gelernt haben, sie zu verstehen. Es gibt keinen Grund, einen Hund durch aggressives Verhalten in eine Streßsituation zu bringen. Auch der hohe Rang des Hundehalters muß nicht durch aggressive Methoden gesichert werden. Beobachtungen von Wolfs- und Hunderudeln belegen das Gegenteil. Viel wichtiger ist es, die sozialen Fähigkeiten und die hochentwickelte Kommunikationsfähigkeit des Hundes zu nutzen. Die Hundesprache zu beherrschen ist erste Grundvoraussetzung für ein harmonisches Miteinander von Mensch und Hund.

 

Buchtip: Calming Signals v. Turid Rugaas, Animal Learn Verlag